In seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" hat Daniel Kahneman die Dynamik von Beziehungen, die auf Lob und Kritik beruhen, gut beschrieben. Oft ist es so, dass Vorgesetzte oder Eltern ihre Mitarbeiter und Kinder loben und kritisieren. Sie haben gut gearbeitet — der Chef hat sie gelobt — und beim nächsten Mal machen sie es schlechter als erwartet. Ähnlich bei Kindern: Sie haben eine Prüfung gut bestanden — die Eltern haben sie gelobt — und bei der nächsten Prüfung schneiden sie schlechter ab oder stoßen auf größere Schwierigkeiten.
Der erste falsche Schluss, den ein Chef oder Elternteil ziehen kann, ist, dass Lob immer entspannt und Kritik und Strafe motivieren. Die einen hören vielleicht auf, Untergebenen positives Feedback zu geben, die anderen, Kinder zu loben, und das führt zu nichts Gutem. Der zweite und wichtigste falsche Schluss hier ist, dass weder Lob noch Kritik auf lange Sicht wirklich wirken. Ich würde sogar sagen: Das Ergebnis hängt wenig von Kritik und Lob ab. Natürlich kann man einen Mitarbeiter oder ein Kind motivieren oder einschüchtern, und dann liefern sie bei der nächsten Prüfung oder am nächsten Arbeitstag exzellente Ergebnisse, aber das kann nicht für jeden einzelnen Tag gelten. Der Punkt ist, dass schlechte und gute Ergebnisse nichts anderes sind als Abweichung vom Mittelwert. Abweichung vom Mittelwert ist ein völlig normales und alltägliches Phänomen. Ein Versuch wird früher oder später immer besser ausfallen als die meisten anderen, und umgekehrt — früher oder später wird einer kommen, bei dem das Ergebnis schlechter ist.
Kahneman hat das am Beispiel von Soldaten illustriert. Wenn sie für ein gutes Ergebnis gelobt wurden, lieferten sie beim nächsten Mal nicht ebenso gut, sondern etwas oder deutlich schlechter. Wer schlecht abschnitt, wurde gescholten und kritisiert, und beim nächsten Mal machte er es besser. Die Offiziere dachten, Lob und Kritik wirken: das eine entspannt, das andere motiviert, also nutzten sie öfter Kritik. Dabei verstanden sie nicht, warum ihre Annahmen oft, aber bei weitem nicht immer zutrafen. In Wirklichkeit hatten sie keine Ahnung, dass weder Lob noch Kritik hier wirklich wirken und dass dies ein klassisches Beispiel für Regression zur Mitte ist. Wer schlecht abgeschnitten hat, wird beim nächsten Mal wahrscheinlich besser abschneiden als bei seinen aktuellen Ergebnissen; wer gut abgeschnitten hat — besser als der Durchschnitt — wird beim nächsten Mal im besten Fall dasselbe zeigen, im schlimmsten Fall schlechter als die anderen.
Übertragen auf die Planung gilt: Deine erfolgreichen Tage, Wochen oder sogar Monate sind bei weitem nicht immer ein guter Indikator für deine Kapazität — wie viel du schaffst. Es kann viele Faktoren geben, die dazu führten, dass du in einer bestimmten Woche oder einem Monat deine Aufgaben sehr gut und schnell erledigt hast oder im Gegenteil sehr schlecht und langsam. Nach der aktuellen Phase könnte es scheinen, dass die nächste ebenso produktiv oder ebenso schlecht sein wird. Aber man sollte immer an die Regression zur Mitte denken. Zieh keine Schlüsse nur aus einer kleinen Zeitstichprobe; um deine Kapazität einzuschätzen, wähle einen längeren Zeitraum, um genau diesen Mittelwert deiner Möglichkeiten und verfügbaren Zeit zu verstehen, von dem aus du an verschiedenen Tagen und in verschiedenen Wochen mal mehr, mal weniger schaffst.