Es ist an der Zeit, über ein weiteres heikles Thema zu sprechen — Talent. Unter Talent verstehe ich eher körperliche Fähigkeiten als geistige, auch wenn es klare geistige Überlegenheiten geben mag (von offensichtlichen kognitiven Unterschieden abgesehen). Glaubst du, Talent beeinflusst Leistung und Erfolg?
Es gibt keine einfache Antwort, denn es tut es und tut es nicht. Schauen wir, warum. Fangen wir damit an, warum nicht. Es gibt sogar ein ganzes Buch dazu — Jeff Colvins „Talent ist überbewertet!“. In vielen Fällen spielt Talent keine besondere Rolle. Erfolg im Sport z. B. ist ohne angeborenes Talent möglich. Wenn du sehr hart trainierst und auf dein Ziel zuarbeitest, brauchst du wirklich kein Talent. Nehmen wir Tennis. Die Größe des Spielers spielt eine große Rolle — mindestens für die Schlagkraft. Aber unter den erfolgreichen Tennisspielern der Geschichte gibt es kleinere wie Pancho Segura, Olivier Rochus, Arnaud Clément. Ihre Namen sind weniger bekannt als Roger Federer oder Rafael Nadal, die deutlich größer sind. Aber sie sind immer noch kleiner als z. B. Kevin Anderson, der maximal Weltranglistenplatz 5 erreichte, anders als Nadal und Federer, die den Herrentennis insgesamt etwa 10–15 Jahre dominierten. Jetzt Basketball. In der Liste der besten NBA-Spieler der Geschichte steht auf Platz 13 ein Typ mit nur 188 cm — Stephen Curry. Ich sage „nur“, weil in dieser Liste praktisch niemand unter 2 m zu finden ist, und manche Spieler sind 210–215 cm. Also ist Talent wirklich nicht der Punkt! Wenn du gute Gesundheit, einen klaren Kopf und Entschlossenheit hast, kannst du Tausende überholen, die anfangs besser dran scheinen. Das gilt für Sport und fürs Leben.
Jetzt die gleiche Situation von der anderen Seite. Im Durchschnitt sind die erfolgreichsten Tennisspieler über 180 cm und Basketballer über 200 cm. Stell dir vor, du bist 165 cm. Du bist schon im Nachteil. Du kannst dich abrackern und jeden Tag trainieren, aber was bringt das, wenn es Leute gibt, die von Geburt an besser geeignet sind? Ergänzend zu Tennis und Basketball: einer der erfolgreichsten Schwimmer der Geschichte — Michael Phelps. 23-facher Olympiasieger (13 Einzel, 10 Staffel). Er ist 193 cm. Aber es geht nicht nur um die Größe: er hat riesige, kräftige Arme. Du kannst im Becken wie eine Rakete ziehen, Phelps braucht nur ein paar Züge, um dich zu überholen. Talent und angeborene Veranlagung zählen doch! Und wie!
An diesem Punkt habe ich dich wohl völlig verwirrt. Zählt Talent oder nicht? Talent zählt nur, wenn diese talentierten Leute im Training genauso ranklotzen wie du und sich ganz ihrer Sache widmen. Und glaub mir, bei weitem nicht alle „Talentierten“ tun das. Viele vergeuden ihr Talent. Die einen betreiben gar nicht die Sportart oder Kunst, für die sie veranlagt sind. Andere leiden unter falscher Erziehung — Eltern, die nur Talent loben, nicht Anstrengung — und in der Jugend hat ihre Karriere keine Perspektive mehr. Wieder andere haben frühen Erfolg und werden dann nachlässig und arbeiten nicht mehr an sich. Irgendwie denke ich an den Fußballer Mario Balotelli, der früh aufleuchtete und schnell verblasste, und an Ronaldinho, der zur Legende wurde, aber nicht lange strahlte. Anders als er hat Zlatan Ibrahimović, gleichaltrig mit Ronaldinho, noch über zehn Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Alle diese Leute neigen dazu, sich ablenken zu lassen und ihr Potenzial zu vergeuden. Also wag es, und lass dich von Konkurrenten mit angeborenen Fähigkeiten nicht einschüchtern! Wenn du aber unterwegs jemandem begegnest, der genauso fanatisch ist wie du, aber mit besseren natürlichen Gaben, sei auf der Hut: du wirst es sehr schwer haben, denn du bist schon im Nachteil.
Zum Abschluss des Kapitels noch ein Zitat aus Malcolm Gladwells „Überflieger“ — über Talent und beständige Arbeit, oder besser gesagt Routine, die wir im nächsten Kapitel betrachten:
„Mit anderen Worten: Der Schlüsselfaktor für Talent ist die Fähigkeit, stundenlang zu arbeiten — bis man kaum noch unterscheiden kann, wo die natürlichen Fähigkeiten enden und die Bereitschaft zum Ranklotzen beginnt.“